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Gedichte
 
Zwischen Januar 1994 und Januar 1996 füllte ich unzählige Notizbücher mit "Seelenlyrik" und verarbeitete darin meine Erfahrungen in diesen zwei Jahren. Es ist ein wenig seltsam, nach zehn Jahren diese Bücher noch einmal durchzublättern. Ja, die Gedichte scheinen geradezu aus einem völlig anderen Leben zu stammen. Dennoch: viele davon finde ich immernoch schön und möchte sie Ihnen daher gerne vorstellen.
 
~*~~*~~*~
 
 
 
 
Traumtänzer
(17. Juni 1994)
 
Traumtänzer
sind Narren,
die mit leuchtendem Gesicht
und beschwingtem Schritt
den Abgrund
auf einem Seil
überqueren.
Geborgen in ihrer Unbekümmertheit
werden sie niemals
in die Tiefe
stürzen.
Mit Leichtigkeit
trotzen sie
dem Schicksal,
denn
selbst schwarze Vögel
haben für sie
die Farbe
von
Schnee.
Sie vollführen schlafwandelnd
waghalsige Drahtseilakte.
Sie kennen
keine Gefahr
und
keinen Tod.
Traumtänzer
sind die Akrobaten des Lebens
 
 
 
 
 
Zeitenwanderer
(9. August 1994)
 
Zeitenwanderer sind wir,
gehen von der Vergangenheit in die Zukunft
und bleiben doch immer in der Gegenwart.
Wenn du die Vergangenheit betrachtest,
dann tue dies ohne Bedauern,
ohne den grauen Mantel des Grams,
ohne den verblaßten Hut der Sehnsucht.
Zeitenwanderer sind wir.
Unser Blick muß nach vorne gerichtet sein.
Drehst du dich um und verharrst zu lange,
wird dein Herz zum Gefangenen der Zeit,
bewegungslos und sehnsuchtsvoll
wie ein Insekt im lähmenden Honig des Bernsteins.
Zeitenwanderer sind wir,
stets im Aufbruch,
ohne jede Möglichkeit zur Umkehr.
Wenn Du die Vergangenheit betrachtest,
laß dich von ihren Bildern erfreuen oder schrecken,
aber dein Herz muß der Gegenwart gehören
und deine Sehnsucht der Zukunft.
Zeitenwanderer sind wir,
der Veränderung unterworfen,
dem Sturm des Ungewissen ausgeliefert,
gewappnet mit der Möglichkeit des Wachsens.
Zeitenwanderer sind wir,
gehen von der Vergangenheit in die Zukunft,
und doch -
und doch sind Anfang und Ende eins,
beschreibt unser Leben einen nie endenden Kreis.
 
 
(21. August 1994)
 
Wenn du gehst,
dann gehe nicht ohne meinen Segen,
gehe nicht ohne den Schutz
von Sonne und Mond.
Ich werde ihre Liebe auf dich herabrufen,
damit sie über dich wachen,
damit sie dir scheinen
und deinen Weg erhellen.
Wenn du gehst,
dann gehe nicht ohne meinen Stein,
gehe nicht ohne meine Liebe,
von der dir der Stein erzählen wird,
wann immer du ihn in deiner Hand wärmst.
Wenn du gehst,
dann gehe mit meinem Segen und meiner Liebe,
damit wir uns wiederfinden
in der Welt von morgen.
 
 
 
Steine
(13. September 1994)
 
Steine sind weise.
Älter als du,
in Urzeiten erschaffen.
Steine
erzählen Geschichten,
die dich Geduld und Ruhe lehren.
Steingeschichten.
Steine
wollen niemals sein,
was sie nicht sind,
denn
sie sind,
was sie sind.
Ruhig,
in unendlichen Kreisen,
öffnen sie dein Herz.
Steine sind weise.
 
 
 
 
Abschied von einem Traum
(31. August 1995)
 
Geh fort, mein Faun,
verlasse meinen Wald,
verschwinde hinter den Bergen des Vergessens.
Friede
soll
wieder
einkehren
in meinem Wald.
Geh fort, mein Faun,
ich will Dein Lied nicht mehr hören,
das Lied,
das mein Herz verbrennt.
Geh fort, mein Faun,
nimm Deine Flöte
und
geh fort.
 
 
 
 
 
Momentaufnahme: Garten der Steine
(4. September 1995)
 
Hohe Bäume
wippen
sachte
im Wind,
hüllen
ihn ein
in graugrüne Schleier,
den Ort,
der
enthoben der Zeit
existiert.
Steine
entwachsen
der Erde,
dem Himmel entgegen.
Einst behauen,
heute verwittert,
erinnern sie
an längstvergangne Menschenschicksale.
Sie
raunen sich zu
die Geschichten
des Lebens.
Ein junger Ahorn
entspringt
ihrer Mitte.
Zwischen
ihm
und
einem Stein:
ein Spinnennetz,
glitzernd in der Sonne.
 
Verwunschener Garten,
getaucht
in die süße Melancholie des Verfalls.
 
Judenfriedhof
in
Prag.
 
 
 
Einhorn
(20. September 1995)
 
für Amazie
 
Klare Sterne
sind
Deine Augen,
denen
ich folge
durch die Weiten der Zeit.
Am Grunde
verborgen
finde ich
meine Seele,
die
Deinem Herzschlag
lauscht.
 
Deiner Stirn
entspringt
ein Horn,
und
in meinen Augen
brennt
Dein Feuer,
Schwester der Ewigkeit.
 
 
Narrenlied
(13. Oktober 1995)
 
Wind
weht mir
ins Gesicht.
Lebensatem.
Er nimmt mich
in seine Arme,
trägt mich sicher
am Abgrund vorbei.
Bruder-Schwester Wind,
wehe kräftig,
wehe stark,
damit ich reiten kann
auf Deinen Schwingen.
Singe in meinen Knochen,
bis ich lachend tanze
und
meine Tasche flattert
im Rhythmus des Lebens.
 
 
 
 
 
 
Seelenteich
(22. Oktober 1995)
 
Meine Seele
ist
ein dunkler Teich
der Erinnerungen,
die gesunken sind
bis auf den Grund.
Wenn
der Mond
sich zitternd spiegelt
auf der schwarzen Fläche
des Wassers,
steigen sie auf
und
gleiten silbrigen Fischleibern gleich
unter der Oberfläche dahin.
Dem Mädchen,
das am Ufer sitzt,
erscheinen sie
wie Träume
aus einer vergangen Welt.
 
 
 
 
 
 
Faunslächeln
(30. Oktober 1995)
 
Verzauberte Augenblicke,
als
der Frühling
zwischen blütenverhangenen Träumen
hervorlugte,
als
der Regen
die Nymphe taufte
und
der Wind
die Jungfrau wachrief.
Verzauberte Augenblicke,
als
der Sommer
in
grüner Schwüle gebettet lag,
als
die Hitze
die Mutter gebar.
Als
der Herbst
kam,
erwachte die weise Alte,
die Hüterin der Mysterien.
Sie kennt
alles Glück,
und
sie kennt
alles Leid.
Und
mit dem Herbst
kamen bittere Tränen.
 
Durch
die Zeiten
fiel
ein Faun
auf meinen Weg.
 
 
Sommergeschenk
(6. November 1995)
 
Dein Stein
in meiner Hand,
vor langer Zeit
von Dir
gewärmt.
Du tränktest ihn
mit Deinem Geruch.
Heute
riecht er nur noch
nach Stein.
Doch
vielleicht erinnert er sich
an
Deine Wärme
und Deinen Geruch.
 
 
 
An ein neues Jahr
(12. Januar 1996)
 
Komm,
faß auch Du
ein Band,
das flattert
im Wind der Zeit.
Reihe Dich ein
bei den Tänzern
mit den bunten Bändern,
die,
tanzend um meinen Lebensbaum,
um den Stamm
das Muster
weben.


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